Nimm dir Zeit für ein Märchen...

 

Des Kaisers neue Kleider

 

Vor vielen Jahren lebte ein Kaiser, der so ungeheuer viel auf neue Kleider hielt, dass er all sein Geld dafür ausgab, um recht geputzt zu sein. Er kümmerte sich nicht um seine Soldaten, kümmerte sich nicht um Theater und liebte es nicht, in den Wald zu fahren, außer um seine neuen Kleider zu zeigen. Er hatte einen Rock für jede Stunde des Tages, und ebenso wie man von einem König sagte, er ist im Rat, so sagte man hier immer: "Der Kaiser ist in der Garderobe!"

 

In der großen Stadt, in der er wohnte, ging es sehr munter her. An jedem Tag kamen viele Fremde an, und eines Tages kamen auch zwei Betrüger, die gaben sich für Weber aus und sagten, dass sie das schönste Zeug, was man sich denken könne, zu weben verstanden. Die Farben und das Muster seien nicht allein ungewöhnlich schön, sondern die Kleider, die von dem Zeuge genäht würden, sollten die wunderbare Eigenschaft besitzen, dass sie für jeden Menschen unsichtbar seien, der nicht für sein Amt tauge oder der unverzeihlich dumm sei.

 

'Das wären ja prächtige Kleider', dachte der Kaiser; wenn ich solche hätte, könnte ich ja dahinterkommen, welche Männer in meinem Reiche zu dem Amte, das sie haben, nicht taugen, ich könnte die Klugen von den Dummen unterscheiden! Ja, das Zeug muß sogleich für mich gewebt werden!' Er gab den beiden Betrügern viel Handgeld, damit sie ihre Arbeit beginnen sollten.

 

Sie stellten auch zwei Webstühle auf, taten, als ob sie arbeiteten, aber sie hatten nicht das geringste auf dem Stuhle. Trotzdem verlangten sie die feinste Seide und das prächtigste Gold, das steckten sie aber in ihre eigene Tasche und arbeiteten an den leeren Stühlen bis spät in die Nacht hinein.

 

'Nun möchte ich doch wissen, wie weit sie mit dem Zeuge sind!' dachte der Kaiser, aber es war ihm beklommen zumute, wenn er daran dachte, dass keiner, der dumm sei oder schlecht zu seinem Amte tauge, es sehen könne. Er glaubte zwar, dass er für sich selbst nichts zu fürchten brauche, aber er wollte doch erst einen andern senden, um zu sehen, wie es damit stehe. Alle Menschen in der ganzen Stadt wussten, welche besondere Kraft das Zeug habe, und alle waren begierig zu sehen, wie schlecht oder dumm ihr Nachbar sei.

 

'Ich will meinen alten, ehrlichen Minister zu den Webern senden', dachte der Kaiser, er kann am besten beurteilen, wie der Stoff sich ausnimmt, denn er hat Verstand, und keiner versieht sein Amt besser als er!'

 

Nun ging der alte, gute Minister in den Saal hinein, wo die zwei Betrüger saßen und an den leeren Webstühlen arbeiteten. 'Gott behüte uns!' dachte der alte Minister und riss die Augen auf. 'Ich kann ja nichts erblicken!' Aber das sagte er nicht.

 

Beide Betrüger baten ihn näher zu treten und fragten, ob es nicht ein hübsches Muster und schöne Farben seien. Dann zeigten sie auf den leeren Stuhl, und der arme, alte Minister fuhr fort, die Augen aufzureißen, aber er konnte nichts sehen, denn es war nichts da. 'Herr Gott', dachte er, sollte ich dumm sein? Das habe ich nie geglaubt, und das darf kein Mensch wissen! Sollte ich nicht zu meinem Amte taugen? Nein, es geht nicht an, dass ich erzähle, ich könne das Zeug nicht sehen!'

 

"Nun, Sie sagen nichts dazu?" fragte der einer von den Webern.

 

"Oh, es ist niedlich, ganz allerliebst!" antwortete der alte Minister und sah durch seine Brille. "Dieses Muster und diese Farben! - Ja, ich werde dem Kaiser sagen, dass es mir sehr gefällt!"

 

"Nun, das freut uns!" sagten beide Weber, und darauf benannten sie die Farben mit Namen und erklärten das seltsame Muster. Der alte Minister merkte gut auf, damit er dasselbe sagen könne, wenn er zum Kaiser zurückkomme, und das tat er auch.

 

Nun verlangten die Betrüger mehr Geld, mehr Seide und mehr Gold zum Weben. Sie steckten alles in ihre eigenen Taschen, auf den Webstuhl kam kein Faden, aber sie fuhren fort, wie bisher an den leeren Stühlen zu arbeiten.

 

Der Kaiser sandte bald wieder einen anderen tüchtigen Staatsmann hin, um zu sehen, wie es mit dem Weben stehe und ob das Zeug bald fertig sei; es ging ihm aber gerade wie dem ersten, er guckte und guckte; weil aber außer dem Webstuhl nichts da war, so konnte er nichts sehen.

 

"Ist das nicht ein ganz besonders prächtiges und hübsches Stück Zeug?" fragten die beiden Betrüger und zeigten und erklärten das prächtige Muster, das gar nicht da war.

 

'Dumm bin ich nicht', dachte der Mann; es ist also mein gutes Amt, zu dem ich nicht tauge! Das wäre seltsam genug, aber das muss man sich nicht merken lassen!' Daher lobte er das Zeug, das er nicht sah, und versicherte ihnen seine Freude über die schönen Farben und das herrliche Muster. "Ja, es ist ganz allerliebst!" sagte er zum Kaiser.

 

Alle Menschen in der Stadt sprachen von dem prächtigen Zeuge. Nun wollte der Kaiser es selbst sehen, während es noch auf dem Webstuhl sei. Mit einer ganzen Schar auserwählter Männer, unter denen auch die beiden ehrlichen Staatsmänner waren, die schon früher dagewesen, ging er zu den beiden listigen Betrügern hin, die nun aus allen Kräften webten, aber ohne Faser oder Faden.

 

"Ja, ist das nicht prächtig?" sagten die beiden ehrlichen Staatsmänner. "Wollen Eure Majestät sehen, welches Muster, welche Farben?" und dann zeigten sie auf den leeren Webstuhl, denn sie glaubten, dass die andern das Zeug wohl sehen könnten.

 

'Was!' dachte der Kaiser; ich sehe gar nichts! Das ist ja erschrecklich! Bin ich dumm? Tauge ich nicht dazu, Kaiser zu sein? Das wäre das Schrecklichste, was mir begegnen könnte.' "Oh, es ist sehr hübsch", sagte er; "es hat meinen allerhöchsten Beifall!" und er nickte zufrieden und betrachtete den leeren Webstuhl; er wollte nicht sagen, dass er nichts sehen könne. Das ganze Gefolge, was er mit sich hatte, sah und sah, aber es bekam nicht mehr heraus als alle die andern, aber sie sagten gleich wie der Kaiser: "Oh, das ist hübsch!' und sie rieten ihm, diese neuen prächtigen Kleider das erste Mal bei dem großen Feste, das bevorstand, zu tragen.

 

"Es ist herrlich, niedlich, ausgezeichnet!" ging es von Mund zu Mund, und man schien allerseits innig erfreut darüber. Der Kaiser verlieh jedem der Betrüger ein Ritterkreuz, um es in das Knopfloch zu hängen, und den Titel Hofweber.

 

Die ganze Nacht vor dem Morgen, an dem das Fest stattfinden sollte, waren die Betrüger auf und hatten sechzehn Lichte angezündet, damit man sie auch recht gut bei ihrer Arbeit beobachten konnte. Die Leute konnten sehen, dass sie stark beschäftigt waren, des Kaisers neue Kleider fertigzumachen. Sie taten, als ob sie das Zeug aus dem Webstuhl nähmen, sie schnitten in die Luft mit großen Scheren, sie nähten mit Nähnadeln ohne Faden und sagten zuletzt: "Sieh, nun sind die Kleider fertig!"

 

Der Kaiser mit seinen vornehmsten Beamten kam selbst, und beide Betrüger hoben den einen Arm in die Höhe, gerade, als ob sie etwas hielten, und sagten: "Seht, hier sind die Beinkleider, hier ist das Kleid, hier ist der Mantel!" und so weiter. "Es ist so leicht wie Spinnwebe; man sollte glauben, man habe nichts auf dem Körper, aber das ist gerade die Schönheit dabei!"

 

"Ja!" sagten alle Beamten, aber sie konnten nichts sehen, denn es war nichts da.

 

"Belieben Eure Kaiserliche Majestät Ihre Kleider abzulegen", sagten die Betrüger, "so wollen wir Ihnen die neuen hier vor dem großen Spiegel anziehen!"

 

Der Kaiser legte seine Kleider ab, und die Betrüger stellten sich, als ob sie ihm ein jedes Stück der neuen Kleider anzogen, die fertig genäht sein sollten, und der Kaiser wendete und drehte sich vor dem Spiegel.

 

"Ei, wie gut sie kleiden, wie herrlich sie sitzen!" sagten alle. "Welches Muster, welche Farben! Das ist ein kostbarer Anzug!" -

 

"Draußen stehen sie mit dem Thronhimmel, der über Eurer Majestät getragen werden soll!" meldete der Oberzeremonienmeister.

 

"Seht, ich bin ja fertig!" sagte der Kaiser. "Sitzt es nicht gut?" und dann wendete er sich nochmals zu dem Spiegel; denn es sollte scheinen, als ob er seine Kleider recht betrachte.

 

Die Kammerherren, die das Recht hatten, die Schleppe zu tragen, griffen mit den Händen gegen den Fußboden, als ob sie die Schleppe aufhöben, sie gingen und taten, als hielten sie etwas in der Luft; sie wagten es nicht, es sich merken zu lassen, dass sie nichts sehen konnten.

 

So ging der Kaiser unter dem prächtigen Thronhimmel, und alle Menschen auf der Straße und in den Fenstern sprachen: "Wie sind des Kaisers neue Kleider unvergleichlich! Welche Schleppe er am Kleide hat! Wie schön sie sitzt!" Keiner wollte es sich merken lassen, daß er nichts sah; denn dann hätte er ja nicht zu seinem Amte getaugt oder wäre sehr dumm gewesen. Keine Kleider des Kaisers hatten solches Glück gemacht wie diese.

 

"Aber er hat ja gar nichts an!" sagte endlich ein kleines Kind. "Hört die Stimme der Unschuld!" sagte der Vater; und der eine zischelte dem andern zu, was das Kind gesagt hatte.

 

"Aber er hat ja gar nichts an!" rief zuletzt das ganze Volk. Das ergriff den Kaiser, denn das Volk schien ihm recht zu haben, aber er dachte bei sich: 'Nun muss ich aushalten.' Und die Kammerherren gingen und trugen die Schleppe, die gar nicht da war.

 

Hans Christian Andersen

Die vier Winde

Es war einmal eine Mutter, die hatte vier Söhne, diese wuchsen gesund heran und führten ein fröhliches und sorgenfreies Leben.

Eines Tages rief die Mutter sie zu sich und sprach: „Meine lieben Söhne, ihr seid jetzt erwachsen und reif genug, um in die Welt zu ziehen. Bitte macht euch noch heute auf den Weg, euer Glück zu suchen!“  „Aber wir sind doch hier bei dir ganz glücklich!“ sagte der Älteste. Doch die Mutter entgegnete: „Ihr Lieben, das Leben hält für jeden von euch ein ganz besonderes Geschenk bereit, versucht, es zu finden! Und kehrt nach einem Jahr zurück, um von euren Erlebnissen zu berichten.“ Da half keine Widerrede, die Jungen packten ihre sieben Sachen und machten sich auf den Weg. Der älteste ging nach Süden, der zweite nach Westen, der dritte nach Norden und der vierte nach Osten.

 

Als der älteste Sohn eine lange Zeit gewandert war, kam er an ein großes Meer. Er setzte sich am Strand nieder und betrachtete die Wellen. Das Kommen und Gehen. Ebbe und Flut. Tagein, tagaus. Er betrachtete es viele Tage, viele Wochen, viele Monate lang. Und immer wieder dachte er: „Wie kann ich nur alles loslassen, was mich an die Vergangenheit bindet?“ Da sprang auf einmal ein kleiner Wassermann aus dem Meer heraus, umklammerte einen großen Felsen und jammerte: „Was kann ich nur tun, damit dieser Fels mich loslässt?“ Sie sahen sich an und lachten beide aus ganzem Herzen. Der Junge hatte verstanden und die beiden wurden gute Freunde.

 

Der zweite Sohn kam indessen auf seiner Wanderung in einen großen, dicken Wald. Der Wald wurde immer dichter und undurchdringlicher, und die Geräusche und Schatten immer unheimlicher. Bald hatte der Jüngling jeden Weg verloren und begann sich zu fürchten. Es dämmerte und er tastete sich ängstlich weiter. Da ließ ihn ein fürchterliches Gebrüll zusammenschrecken, er lief zum nächsten Baum und umklammerte ihn ängstlich. „Hallo du!“, raunte eine tiefe Stimme. „Wer bist du?“, fragte der Junge ängstlich. „Ich bin der Geist dieses Baumes. Hab keine Angst! Auch du bist tief mit Mutter Erde und Vater Sonne verbunden, kannst du meine Kraft und Ruhe spüren?“ Da spürte der Junge, wie sich auch in ihm die Kraft und der Ruhe des Baumes ausbreitete, er beruhigte sich und ließ sich erschöpft im Schutze des Baumes nieder.

Doch da erscholl wieder dieses fürchterliche Gebrüll und der Junge klammerte sich erneut an den Baum, schloss seine Augen und zitterte wie Espenlaub. Er spürte, wie sich etwas Großes und Dunkles näherte und kniff seine Augen noch fester zu. „Aaaah!“, schrie der Junge, denn eine große feuchte Schnauze hatte ihn an gestupst. „Sei gegrüßt, edler Baumgeist!“, sagte eine fremde Stimme. „Sei gegrüßt, edler Jaguar!“, antwortete der Baumgeist. Da öffnete der Junge vorsichtig die Augen und sah einen mächtigen schwarzen Jaguar vor sich stehen. „Was für ein schönes Menschenwesen haben wir hier zu Gast!“, sagte er mit sanfter Stimme und stupste den Jungen erneut freundlich an. „Mein lieber Junge, fürchte dich nicht vor deinen eigenen Schatten, sondern sieh sie dir mit offenem Herzen einfach an. So wirst du nie wieder Furcht empfinden.“ Und so geschah es dann auch.

 

Der dritte Sohn war tapfer gen Norden gewandert und es wurde kälter und kälter. Die Gegend war rau und unwegsam, auch fror er und hatte nichts mehr zu essen. Da stiegen in ihm quälende Gedanken hoch: „Wo finde ich Nahrung, wo einen Unterschlupf für die Nacht?“ Da platzte ein lautes Geheule mitten in seine Gedanken: Wölfe! Auch das noch! Oh nein! „So werde ich heute entweder Hungers sterben, erfrieren oder die Wölfe werden mich zerreißen!“ Mühsam und verzweifelt schleppte er sich weiter, da stolperte er und lag auf der Nase. Und er wollte und konnte auch gar nicht mehr aufstehen.

„Hallo, du!“, tönte es in seiner Nähe. „Wer spricht da? fragte der Junge erstaunt. „Ich bin der Stein, über den du gestolpert bist.“ „Und was willst du von mir?“ fragte der Junge. „Dir helfen.“ „Mir helfen? Aber wie könntest du mir helfen? Hunger und Kälte haben mich entkräftet und die Wölfe werden jeden Moment da sein und mich zerreißen!“ stöhnte der Junge.

„Nun ja“, meinte der Stein. Du könntest dich tarnen. Werde zu Stein, so wie ich.“ „Aber wie soll ich das machen?“, hauchte der Junge. „Es ist ganz einfach. Öffne dein Herz. Ganz weit. Und nun verbinde dein Herz mit dem meinen!“ Der Junge tat es ohne nachzudenken. Und er spürte den Stein mit seinem ganzen pochenden Herzen. Seine Kraft. Seine Ruhe. Seine Zeitlosigkeit. Sein in sich geschützt und zu Hause sein. Da wurde auch er ganz ruhig. Er fror nicht mehr und empfand keinen Hunger. Er fühlte sich wohlig warm und geschützt. Voller Vertrauen rollte er sich zusammen und wurde bewegungslos und zeitlos, so schlief er ein. Und wurde zu Stein.

Die Wölfe kamen und sprangen über die Steine hinweg, laut heulend, die Menschenspur vergeblich suchend.

Erst als die Sonne am nächsten Tag schon sehr hoch stand, erwachte der Junge und bedankte sich tief berührt beim Stein. „Du hast mir das Leben gerettet. Oh, wie gerne wäre ich immer so gegenwärtig wie du, lieber Stein, so ganz im Hier und Jetzt!“ „Oh, das ist ganz einfach, liebes Menschenwesen“, antwortete der Stein. „Wirf deine Gedanken wie Herbstblätter in einen Fluss. Sieh zu, wie sie hineinfallen und davon schwimmen. Und dann vergiss sie. Und du wirst immer im Hier und Jetzt sein. Leb wohl, du liebes Menschenkind. Und grüße all meine Brüder und Schwestern, denen du noch begegnen wirst!“

 

Und wie erging es dem vierten Bruder? Der war nach langer Wanderung zu einem großen Gebirge gekommen. Da hüpfte sein Herz voller Freude, denn er liebte die Berge und das Klettern. Und schon stieg er nach oben, leichtfüßig und behände wie eine Bergziege. Er kletterte immer weiter hinauf, nur noch einen großen Felsvorsprung hinauf, dann wollte er sich ausruhen. Doch was sah er da! Zwei große Adler standen neben ihm, es war ein Pärchen. Und das Adlermännchen sprach: „Na endlich, wir haben schon auf dich gewartet!“ „Auf mich gewartet?“ erwiderte der Junge verwirrt. „Ja natürlich. Wir müssen jetzt los, um unseren Auftrag zu erfüllen. Bitte achte gut auf unsere drei Jungen.“ Voller Erstaunen sah der Junge das große Adlernest mit drei piepsenden Jungvögeln neben sich. „Wir haben genug Futter ins Nest gelegt, keine Sorge du musst nicht jagen gehen!“ sagte der stolze Adler noch und schon erhob er sich mit seiner Gefährtin in die Lüfte und weg waren sie. Der Junge kroch in das Adlernest und fütterte die Jungen, den ganzen Tag und fast die ganze Nacht. Dann schlief er erschöpft ein.

Als die Adlereltern zum Sonnenaufgang heimkehrten, fanden sie ihre Jungen zufrieden und wohlbehütet vor. Da sprach der Adlervater. „Zum Dank für deinen guten Dienst, den du uns erwiesen hast, möchten wir dir einen Wunsch erfüllen.“ Da sagte der Junge schüchtern: „Ich bin auf der Suche nach meiner Bestimmung, wie kann ich sie nur finden?“ „Nichts leichter als das“, antwortete der Adler. „Jedes Menschenwesen trägt einen Adler im Herzen, die meisten haben es wohl vergessen. Erwecke die Adlerkraft in deinem Herzen und sie wird dir den Weg zu deiner Bestimmung zeigen!“ Der Junge schloss die Augen und schon spürte er, wie sich ein junger prachtvoller Adler in seinem Herzen zu regen begann, er öffnete seine Augen und wusste, dass sein Herzenshüter ihm alle Berge und Täler zeigen wird, von denen er bisher nur geträumt hatte.

 

So war nun ein Jahr vergangen.

Die Mutter legte ein festliches Gewand an, trat vor die Türe und erwartete ihre Söhne. Die kamen auch einer nach dem anderen, alle begrüßten und umarmten sich herzlich. „Und wie ist es euch ergangen, meine lieben Söhne?“ fragte sie. Da antworteten sie wie aus einem Munde: „Wir wissen jetzt, wir sind grenzenlose Liebe.

Wir sind strahlendes Licht! Wir sind der Fluss ewigen Lebens und wir sind göttlicher Glanz, Schönheit und Wahrheit!“

Die Mutter war sehr zufrieden, segnete ihre Söhne und sprach: „Nun habt ihr eure Bestimmung und euer Glück gefunden als Hüter der Winde des Südens, des Westens, des Nordens und des Ostens. So sei es!“

 

Carmen Sand, Oktober 2016 in Vilnöss, Südtirol.

 

Die Blume der Ehrlichkeit – eine indianische Geschichte

 

Zu einer Zeit, die einst war, nun für immer vorbei ist und bald schon wiederkehrt, lebte ein junger Häuptlingssohn, dem war der Vater gestorben.

So wurde der Junge zum neuen Häuptling geweiht. Da sprachen die weisen Alten zu ihm: „Es wäre gut, wenn du dir eine kluge und ehrliche Frau nimmst, die dich in Zukunft unterstützen kann.“

„Ja, das ist ein guter Rat!“ sagte der junge Mann. „Doch wie kann ich nur herausfinden, welche es auch wirklich ehrlich meint?“ dachte er bei sich. Denn es gab viele schöne junge Mädchen im Dorf und jede wollte natürlich gerne die Frau des neuen Häuptlings werden.

Da beriet er sich mit seiner Mutter und ließ am nächsten Tag alle jungen Mädchen zusammenrufen.

Die Nachricht verbreitete sich in Windeseile in alle Wigwams, so erfuhr auch ein stilles schüchternes Mädchen davon, das den Häuptlingssohn schon lange heimlich lebte. Auch sie schmückte sich und bereitete sich auf das Treffen vor. Als ihre Mutter dies bemerkte, sprach sie: „Meine Tochter, was willst du dort? Nur die schönsten und reichsten Mädchen der ganzen Gegend werden anwesend sein. Schlag dir diesen unsinnigen Gedanken aus dem Kopf! Ich weiß, wie sehr du leidest, aber lass dieses Leiden nicht zur Verrücktheit werden.“ Die Tochter antwortete: „Liebe Mutter, ich leide überhaupt nicht, und verrückt werde ich noch viel weniger. Ich weiß, dass die Wahl niemals auf mich fallen wird, aber so kann ich zumindest ein paar Augenblicke dem Häuptlingssohn nahe sein, den ich liebe, und das macht mich glücklich.

Auch wenn ich weiß, dass mein Schicksal ein anderes sein wird.“

 

Als die stille junge Frau am Abend zum Treffpunkt kam, waren dort tatsächlich die schönsten Mädchen in ihren kostbarsten Kleidern, geschmückt mit prachtvollen Federn, Türkisen und Korallen, bereit, für die Gelegenheit zu kämpfen, die sich ihnen bot. Nun verkündete der Häuptlingssohn, was den Wettstreit ausmachen würde:

„Ich werde jeder von euch ein Samenkorn geben. Diejenige, die mir in sechs Monden die schönste Blume bringt, wird die zukünftige Frau des Häuptlings sein.“                                                                                                                             Die junge Frau nahm ihr Samenkorn, pflanzte es in einen Steintopf und hegte es voll Geduld und Zärtlichkeit im Glauben, die Schönheit der Blume werde der Größe ihrer Liebe entsprechen. Drei Monde vergingen und nichts keimte. Das junge Mädchen versuchte alles, doch nichts führte zum Erfolg. Ihre Liebe war indes so lebendig wie eh und je. Schließlich waren sechs Monde vergangen und nichts war in ihrem Blumentopf gewachsen. Obwohl sie nichts vorzuweisen hatte, war ihr bewusst, wie groß ihre Bemühungen in dieser ganzen Zeit gewesen waren, und sie teilte ihrer Mutter mit, dass sie sich zu der vorgegebenen Stunde zum Häuptlingssohn begeben würde, um ihn noch einmal sehen zu können.

So erschien das Mädchen mit ihrem Blumentopf ohne Pflanze und sah, dass die anderen Bewerberinnen großartige Ergebnisse erzielt hatten. Jede hatte eine Blume, und eine war schöner als die andere. Dann nahte der entscheidende Augenblick. Der junge Häuptling sah eine Bewerberin nach der anderen eindringlich an. Anschließend verkündete er das Ergebnis: er zeigte auf das junge schüchterne Mädchen als seine zukünftige Frau.

Da murrten die anderen Bewerberinnen und fragten, weshalb er denn ausgerechnet jene erwählt hatte, der es nicht gelungen war, eine Pflanze zu ziehen. Da erklärte der junge Häuptling ruhig den Grund seiner Wahl:

„Sie war die einzige, die eine Blume gezogen hat, die sie würdig macht, die künftige Häuptlingsfrau zu werden: die Blume der Ehrlichkeit. Alle Samen, die ich verteilt habe, waren unfruchtbar und konnten unmöglich Blumen hervorbringen.“

 

Frei nacherzählt nach einem alten Märchenmotiv von Carmen Sand, Anfang Januar 2017, Starnberg

 

 

„Der Salm der Weisheit“

 

Im alten Irland galt die Berufung zum Dichter als eine göttliche Gabe. Der Dichter vereinigte in sich die übernatürliche Seherkraft des Druiden und die Macht der Kreativität. Er hatte Zugang zu Geheimnissen, die der breiten Masse vorenthalten waren.

Im Fluss Slane in Irland lebte einst ein besonderer Lachs: der Salm der Weisheit.

Wer immer es schaffen würde, diesen Fisch zu fangen und zu verzehren, würde zum größten und berühmtesten Dichter Irlands werden; darüber hinaus würde er die Gabe des zweiten Gesichts erhalten.

Ein Dichter namens Fionn der Seher hatte den magischen Lachs schon sieben Jahre lang verfolgt. Ein zweiter Fionn, der junge Fionn Mac Cumhaill, suchte ihn auf und bat, von ihm als Lehrling aufgenommen zu werden. So geschah es denn auch.

 

Eines Tages kehrte Fionn der Seher endlich mit der ersehnten Beute vom Fluss zurück. Er zündete ein Feuer an, steckte den Lachs auf einen Spieß und fing an, ihn langsam und gleichmäßig zu drehen, damit er nicht ankohlte und seine Zauberkraft verlöre.

 

Nach einer Weile war das Feuer ziemlich weit heruntergebrannt und gab nicht mehr genügend Hitze ab, um den Lachs fertig zu garen. Fionn hätte neues Holz gebraucht, aber es war niemand da, den er danach hätte schicken können.

Glücklicherweise kam in dem Augenblick sein Lehrling, der junge Fionn, aus dem Wald, dem er den Fisch anvertraute. Also setzte sich Fionn Mac Cumhaill ans Feuer und fing seinerseits an, den Lachs über der Glut zu wenden; aber er war ein Träumer und so schweiften seine Gedanken bald von der eintönigen Tätigkeit ab. Als ihm nach einiger Zeit wieder einfiel, dass er den Spieß drehen musste, stellte er zu seinem Entsetzen fest, dass sich an der einen Seite des Fisches eine Blase gebildet hatte. Fionn der Seher würde ihm niemals verzeihen, dass er den Lachs verdorben hatte! Verzweifelt versuchte der Junge, die Blase mit seinem Daumen wieder flach zu drücken.

Dabei verbrannte er sich an der heißen Fischhaut, also steckte er den Daumen in den Mund, um den Schmerz zu lindern. An dem Daumen war aber ein wenig Lachsöl hängen geblieben; kaum war die Flüssigkeit mit seiner Zunge in Berührung gekommen, da wurden dem Jungen die drei magischen Gaben zuteil:

 

 

Weisheit, das zweite Gesicht und die Berufung zum Dichter.

 

Als Fionn der Seher mit dem Holz zurückkehrte, brauchte er seinem Lehrling nur einmal in die Augen zu sehen, um zu wissen, was geschehen war:

Das Glück, dem er so lange, so entschlossen und so unbeirrbar nachgestellt hatte, war ihm im letzten Moment entschlüpft und hatte sich einem unschuldigen jungen Mann verschenkt, der nicht einmal von so einem Geschenk zu träumen gewagt hatte.

 

Was für ein liebevoller Aufruf, uns nicht nur auf unseren linear denkenden und planenden Verstand zu konzentrieren. Es lebe der gewundene Pfad der Phantasie, der Risikobereitschaft und der Offenheit! So können wir die Früchte der Kreativität, der Schönheit und des Geistes empfangen.

 

Landshut, Januar 2017                                                                                                                                          Frei nacherzählt nach einer alten Keltischen Sage von Carmen Sand     

 

Waldeinsamkeit

 

Ich hab in meinen Jugendtagen

Wohl auf dem Haupt einen Kranz getragen;

Die Blumen glänzten wunderbar,

Ein Zauber in dem Kranze war.

 

Der schöne Kranz gefiel wohl allen,

Doch der ihn trug, hat manchem mißfallen;

Ich floh den gelben Menschenneid

Ich floh in die grüne Waldeinsamkeit.

 

Im Wald, im Wald! da konnt ich führen

Ein freies Leben mit Geistern und Tieren;

Feen und Hochwild von stolzem Geweih,

Sie nahten sich mir ganz ohne Scheu.

 

Sie nahten sich mir ganz ohne Zagnis,

Sie wußten, das sei kein schreckliches Wagnis;

Daß ich kein Jäger, wußte das Reh,

Daß ich kein Vernunftmensch, wußte die Fee.

 

Von Feenbegünstigung plaudern nur Toren -

Doch wie die übrigen Honoratioren

Des Waldes mir huldreich gewesen, fürwahr,

Ich darf es bekennen offenbar.

 

Wie haben mich lieblich die Elfen umflattert!

Ein luftiges Völkchen! das plaudert und schnattert!

Ein bißchen stechend ist der Blick,

Verheißend ein süßes, doch tödliches Glück.

 

Ergötzten mich mit Maitanz und Maispiel,

Erzählten mir Hofgeschichten zum Beispiel:

Die skandalose Chronika

Der Königin Titania.

 

Saß ich am Bache, so tauchten und sprangen

Hervor aus der Flut, mit ihrem langen

Silberschleier und flatterndem Haar,

Die Wasserbacchanten, die Nixenschar.

 

Sie schlugen die Zither, sie spielten auf Geigen,

Das war der famose Nixenreigen;

Die Posituren, die Melodei,

War klingende, springende Raserei.

 

Jedoch zuzeiten waren sie minder

Tobsüchtig gelaunt, die schönen Kinder;

Zu meinen Füßen lagerten sie,

Das Köpfchen gestützt auf meinem Knie.

 

Tällerten, trillerten welsche Romanzen,

Zum Beispiel das Lied von den drei Pomeranzen,

Sangen auch wohl ein Lobgedicht

Auf mich und mein nobeles Menschengesicht.

 

Sie unterbrachen manchmal das Gesinge

Lautlachend, und frugen bedenkliche Dinge,

Zum Beispiel: »Sag uns, zu welchem Behuf

Der liebe Gott den Menschen schuf?

 

Hat eine unsterbliche Seele ein jeder

Von euch? Ist diese Seele von Leder

Oder von steifer Leinwand? Warum

Sind eure Leute meistens so dumm?«

 

Was ich zur Antwort gab, verhehle

Ich hier, doch meine unsterbliche Seele,

Glaubt mir's, ward nie davon verletzt,

Was eine kleine Nixe geschwätzt.

 

Anmutig und schalkhaft sind Nixen und Elfen;

Nicht so die Erdgeister, sie dienen und helfen

Treuherzig den Menschen. Ich liebte zumeist

Die, welche man Wichtelmännchen heißt.

 

Sie tragen Rotmäntelchen, lang und bauschig,

Die Miene ist ehrlich, doch bang und lauschig;

Ich ließ nicht merken, daß ich entdeckt,

Warum sie so ängstlich die Füße versteckt.

 

Sie haben nämlich Entenfüße

Und bilden sich ein, daß niemand es wisse.

Das ist eine tiefgeheime Wund',

Worüber ich nimmermehr spötteln kunnt.

 

Ach Himmel! wir alle, gleich jenen Zwergen,

Wir haben ja alle etwas zu verbergen

Kein Christenmensch, wähnen wir, hätte entdeckt,

Wo unser Entenfüßchen steckt.

 

Niemals verkehrt ich mit Salamandern,

Und über ihr Treiben erfuhr ich von andern

Waldgeistern sehr wenig. Sie huschten mir scheu

Des Nachts wie leuchtende Schatten vorbei.

 

Sind spindeldürre, von Kindeslänge,

Höschen und Wämschen anliegend enge,

Von Scharlachfarbe, goldgestickt;

Das Antlitz kränklich, vergilbt und bedrückt.

 

Ein güldnes Krönlein, gespickt mit Rubinen,

Trägt auf dem Köpfchen ein jeder von ihnen;

Ein jeder von ihnen bildet sich ein,

Ein absoluter König zu sein.

 

Daß sie im Feuer nicht verbrennen,

Ist freilich ein Kunststück, ich will es bekennen;

Jedoch der unentzündbare Wicht,

Ein wahrer Feuergeist ist er nicht.

 

Die klügsten Waldgeister sind die Alräunchen,

Langbärtige Männlein mit kurzen Beinchen,

Ein fingerlanges Greisengeschlecht;

Woher sie stammen, man weiß es nicht recht.

 

Wenn sie im Mondschein kopfüber purzeln,

Das mahnt bedenklich an Pissewurzeln;

Doch da sie mir nur Gutes getan,

So geht mich nichts ihr Ursprung an.

 

Sie lehrten mir kleine Hexereien,

Feuer besprechen, Vögel beschreien,

Auch pflücken in der Johannisnacht

Das Kräutlein, das unsichtbar macht.

 

Sie lehrten mich Sterne und Zeichen deuten,

Sattellos auf dem Winde reiten,

Auch Runensprüche, womit man ruft

Die Toten hervor aus ihrer Gruft.

 

Sie haben mir auch den Pfiff gelehrt,

Wie man den Vogel Specht betört

Und ihm die Springwurz abgewinnt,

Die anzeigt, wo Schätze verborgen sind.

 

Die Worte, die man beim Schätzegraben

Hinmurmelt, lehrten sie mich, sie haben

Mir alles expliziert - umsunst!

Hab nie begriffen die Schatzgräberkunst.

 

Wohl hatt ich derselben nicht nötig dermalen,

Ich brauchte wenig, und konnt es bezahlen,

Besaß auch in Spanien manch luftiges Schloß,

Wovon ich die Revenuen genoß.

 

Oh, schöne Zeit! wo voller Geigen

Der Himmel hing, wo Elfenreigen

Und Nixentanz und Koboldscherz

Umgaukelt mein märchentrunkenes Herz!

 

Oh, schöne Zeit! wo sich zu grünen

Triumphespforten zu wölben schienen

Die Bäume des Waldes - ich ging einher,

Bekränzt, als ob ich der Sieger wär!

 

Die schöne Zeit, sie ist verschlendert,

Und alles hat sich seitdem verändert,

Und ach! mir ist der Kranz geraubt,

Den ich getragen auf meinem Haupt.

 

Der Kranz ist mir vom Haupt genommen,

Ich weiß es nicht, wie es gekommen;

Doch seit der schöne Kranz mir fehlt,

Ist meine Seele wie entseelt.

 

Es glotzen mich an unheimlich blöde

Die Larven der Welt! Der Himmel ist öde,

Ein blauer Kirchhof, entgöttert und stumm.

Ich gehe gebückt im Wald herum.

 

Im Walde sind die Elfen verschwunden,

Jagdhörner hör ich, Gekläffe von Hunden;

Im Dickicht ist das Reh versteckt,

Das tränend seine Wunden leckt.

 

Wo sind die Alräunchen? Ich glaube, sie halten

Sich ängstlich verborgen in Felsenspalten.

Ihr kleinen Freunde, ich komme zurück,

Doch ohne Kranz und ohne Glück.

 

Wo ist die Fee mit dem langen Goldhaar,

Die erste Schönheit, die mir hold war?

Der Eichenbaum, worin sie gehaust,

Steht traurig entlaubt, vom Winde zerzaust.

 

Der Bach rauscht trostlos gleich dem Styxe;

Am einsamen Ufer sitzt eine Nixe,

Todblaß und stumm, wie 'n Bild von Stein,

Scheint tief in Kummer versunken zu sein.

 

Mitleidig tret ich zu ihr heran -

Da fährt sie auf und schaut mich an,

Und sie entflieht mit entsetzten Mienen,

Als sei ihr ein Gespenst erschienen.

 

Heinrich Heine